| Profil: |
Scarlett Herrmann
Gründerin
Scarlett GmbH Lebensgerechte Möbel * Ergo- und Rehatechnik *
„Mit meiner Spezialisierung habe ich im Handwerk ein Alleinstellungsmerkmal und mit dieser Strategie habe ich vom ersten Tag an „Gewinn“ gemacht“
Die Firma von Scarlett Herrmann ist in Halle und Umgebung die erste Anlaufstelle für barrierefreies Wohnen – Der Rundum-Service für lebensgerechte Möbel sowie Ergo- und Rehatechnik schließt eine Marktlücke und floriert auch in Zeiten der Wirtschaftskrise
Um eine lukrative Marktlücke zu finden und zu besetzen, braucht es nicht nur ein gutes Gespür für funktionierende Geschäftsabläufe, sondern auch das rechte Einfühlungsvermögen, um die Bedürfnisse der möglichen Zielgruppe wirklich zu verstehen. Dieses Fingerspitzengefühl ist für Scarlett Herrmann besonders wichtig, wenn sie zu ihren Kunden fährt, denn der Service, den sie mit ihrer Scarlett GmbH Lebensgerechte Möbel * Ergo- und Rehatechnik * anbietet, macht zwar das Leben leichter, aber er ist auch eng verknüpft mit persönlichen Schicksalsschlägen. „Wenn jemand nach einem Unfall beispielsweise plötzlich auf einen Rollstuhl angewiesen ist, müssen häufig große Teile der Wohnung barrierefrei umgebaut werden. Ich biete hier Gesamtlösungen aus einer Hand an, die von der Planung bis zur kompletten Abwicklung alles abdecken“, so die 44-Jährige aus Halle. Lebensgerechte Möbel: Solides Handwerk, viel Technik und aufwändige bürokratische Verfahren
Hinter dem Begriff barrierefreies Wohnen steckt eine komplexe Verbindung aus planerischer Leistung, technischen Anforderungen und bürokratischen Prozessen. Aus einer Rollstuhlperspektive rücken Selbstverständlichkeiten wie der Griff in den Kleiderschrank plötzlich in weite Ferne und der Weg ins Badezimmer wird zum unüberwindbaren Hindernisparcours. In einer solchen Situation heißt es, die Möbel auf neue Maße zu bringen, Türschwellen abzusenken und Liftsysteme einzubauen, damit die Betroffenen ihre Bewegungsfreiheit wieder gewinnen. „Die planerischen Anforderungen an solche Projekte sind sehr vielschichtig. Hinzu kommt, dass für die Ausführung verschiedene Spezialisten wie Tischler, Elektriker und Sanitärfachleute Hand in Hand arbeiten müssen“, erklärt die Unternehmerin. Einerseits fehlt vielen Betrieben das fachliche Spezialwissen für barrierefreie Umbauten, andererseits ist die Umsetzung auch aus bürokratischer Sicht so vielschichtig, dass sie für Laien kaum zu durchschauen ist. Um ihren potenziellen Kunden den Rücken möglichst frei zu halten, entschloss Scarlett Herrmann sich deshalb 2004 im Alter von 38 Jahren, alle Leistungen als Paket anzubieten.
„Das Handwerk bietet Frauen, die sich selbstständig machen wollen, große Chancen. Während bereits 41,1 Prozent aller Unternehmensgründungen laut KfW-Gründungsmonitor 2009 durch Frauen erfolgen, liegt diese Quote im Handwerk hingegen, so eine aktuelle Studie der Fachhochschule des Mittelstands, Bielefeld, erst bei lediglich 25 Prozent, wobei Frauen bereits 30 Prozent der Beschäftigten im Handwerk ausmachen. Vor diesem Hintergrund engagiert sich die bundesweite gründerinnenagentur als einziges bundesweites Service- und Kompetenzzentrum zur unternehmerischen Selbstständigkeit von Frauen über alle Branchen und Phasen des Unternehmensauf- und -ausbaus, Frauen aus dem Handwerk für die Möglichkeiten, die mit einer Unternehmensgründung in diesem Segment verbunden ist, zu sensibilisieren“, so Iris Kronenbitter, Projektleiterin der bundesweiten gründerinnenagentur (bga).
Seiteneinstieg mit fachlichem Know-how: Aus beruflichen Erfahrungen wird ein konkretes Geschäftsmodell
Für das gebündelte Angebot von Scarlett Herrmann gibt es kein formelles Berufsprofil und so ist es nicht verwunderlich, dass die Unternehmerin selbst als Quasi-Seiteneinsteigerin zu ihrem Geschäftsmodell kam. Als die studierte Chemikerin nach der Wende keine ihrer Qualifikation entsprechende Beschäftigung finden konnte, schulte sie kurzerhand zur Bürokauffrau um und managte anschließend zwölf Jahre lang das Büro der Tischlerei, bei der ihr Mann Teilhaber ist. „Als immer mal wieder Anfragen für barrierefreie Umbauten kamen, wurde ich hellhörig“, erzählt Scarlett Herrmann. Sie begann, sich intensiver mit der Thematik zu beschäftigen, sichtete Berge von Fachliteratur und knüpfte erste Kontakte, z. B. zu den Berufsgenossenschaften, die nach Arbeitsunfällen an der Abwicklung solcher notwendigen Umbaumaßnahmen beteiligt sind. „Da ich ein sehr vorsichtiger Mensch bin, habe ich über einen Zeitraum von drei bis vier Jahren zunächst das Terrain sondiert und geprüft, welche Angebote es bereits gibt“, so die Geschäftsfrau. Die Lücke, auf die sie bei ihren Recherchen stieß, war offensichtlich: Anbieter, die ein Projekt von der Planung über die bauliche Umsetzung bis hin zur Abwicklung mit den Kostenträgern betreuten, gab es nicht.
Die weiteren Schritte zur Gründung eines Unternehmens waren dann eher eine Formsache: „In der Tischlerbranche kannte ich mich ja bereits aus und Buchhaltung sowie Kostenkalkulationen waren bis dahin ohnehin mein Tagesgeschäft. Da wir in der Tischlerei außerdem regelmäßig einmal im Monat ein unternehmerisches Seminar absolvierten, war ich im Hinblick auf alle betriebswirtschaftlichen Aspekte bestens gerüstet. Und durch mein Chemiestudium habe ich auch viel technisches Fachwissen mitbekommen.“ Als sich schließlich seitens einer Berufsgenossenschaft ein Auftrag abzeichnete, ging Scarlett Hermann im August 2004, damals noch als Firma „Scarlett * Lebensgerechte Möbel * Ergo- und Rehatechnik *“ an den Start. Ein wichtiger Motivationsfaktor für die Gründung: „Ich hatte schon länger das Bedürfnis gehabt, unternehmerisch eigenverantwortlich handeln zu können und mit meinem eigenen Betrieb wurde das nun möglich.“
„Der Erfolg einer Existenzgründung steht und fällt mit der fachlichen Qualifikation der Gründerin und ihrem betriebswirtschaftlichen Know-how. Die bundesweite gründerinnenagentur hat deshalb ein umfassendes Expertennetzwerk mit rund 1.700 Profis aus den Bereichen Gründungsförderung und -beratung aufgebaut, das es Gründerinnen ermöglicht, in den bga-Regionalrepräsentanzen, die flächendeckend in allen Bundesländern vertreten sind, vor Ort Unterstützung zu erhalten und sich auf dem Weg in die Selbstständigkeit fachlich beraten zu lassen“, so bga-Projektleiterin Iris Kronenbitter.
Wohlüberlegte Finanzplanung und die Zusammenarbeit mit Meisterbetrieben erleichtern den Start
Startkapital benötigte die Unternehmerin keines, denn von Anfang an war für sie klar: „Ich möchte keine Schulden machen müssen.“ So mietete sie sich lediglich ein Büro und handelte für ihren ersten Auftrag (Auftraggeber war die Berufsgenossenschaft Chemie, BV Halle/Saale) mit ihren Kooperationspartnern entsprechende Zahlungsbedingungen aus, so dass sie die fälligen Rechnungen erst begleichen musste, nachdem der Auftraggeber gezahlt hatte.
Scarlett Herrmann bietet zwar alle Leistungen aus einer Hand an, macht aber längst nicht alle anfallenden Arbeiten selbst. Sie hat sich ein umfassendes Netzwerk aus Meisterbetrieben aufgebaut, mit denen sie bei ihren Aufträgen zusammenarbeitet. „Für mich war von Anfang an klar, dass ich die komplette Projektabwicklung von der Planung über die Steuerung der Umsetzung bis hin zu den Verhandlungen mit den Kostenträgern selbst mache. Für alles andere habe ich Experten gesucht, die bei den Projekten ihr Fachwissen einbringen“, so die Gründerin. Der Vorteil: geringe Fixkosten und größtmögliche Flexibilität.
Einen Tischler hat die 44-Jährige aufgrund des hohen Auftragsvolumens schon bald fest eingestellt. Die benötigten Maschinenkapazitäten werden extern angemietet. „Ich habe von Anfang an profitabel gearbeitet und seit dem Start vor sechs Jahren entwickelt sich die Auftragslage extrem gut“, so die erfolgreiche Unternehmerin. Das ist kein Wunder, denn im Einzugsgebiet Sachsen-Anhalt, das Scarlett Herrmann von ihrem Büro in Halle aus betreut, gibt es keine vergleichbaren Anbieter. Die Einzigartigkeit der Geschäftsidee wurde deshalb auch beim Businessplanwettbewerb 2006 des Landes Sachsen-Anhalt ausgezeichnet. Auch der Wirtschaftskrise hält das Geschäftsmodell erfolgreich stand. „Ich habe auch in den Jahren 2008 und 2009 stets Wachstum verzeichnet und auch den Handwerkern aus der Region, mit denen ich zusammenarbeite, geht es wirtschaftlich gut“, erzählt die Unternehmerin. Einer der Gründe: Der Bedarf nach den angebotenen Leistungen ist kaum konjunkturabhängig.
„Viele Existenzgründungen von Frauen zeichnen sich dadurch aus, dass die Unternehmerinnen mit sehr realistischem Blick gründen. Sie stellen Personal dann ein, wenn die Geschäftslage es zulässt und erfordert. Solche Unternehmen haben eine besonders gute Überlebenswahrscheinlichkeit, weil sie sich im Einklang mit der Entwicklung ihres jeweiligen Marktumfeldes bewegen. Und Geschäftsmodelle, die sich nicht an zeitlich beschränkten Marktentwicklungen orientieren, sondern einen dauerhaften Mehrwert bieten, sind weniger krisenanfällig“, so bga-Projektleiterin Iris Kronenbitter.
Zwischen Feingefühl und Durchsetzungsfähigkeit: Geschäftssinn und weibliches Gespür als Erfolgsmischung
Die Mischung aus fachlicher Expertise und Gespür fürs Geschäft ist für Scarlett Herrmann unabdingbar, um ihr Unternehmen am Markt zu positionieren: „Auf einer Baustelle muss man, gerade als Frau, wissen, wo man steht und den beteiligten Handwerkern auch zeigen können, wo es lang geht.“ Ihr Erfolgsrezept: Sie weiß, wo ihre Grenzen liegen, aber eben auch, was sie will – einer der Hauptgründe, warum sie sich überhaupt selbstständig gemacht hat: „Als Angestellte konnte ich zwar Vorschläge machen, aber nicht die eigentlichen Geschäftsentscheidungen treffen. Heute ist es umgekehrt: Ich mache die Planung und die Vorgaben und beziehe dabei die Vorschläge der Handwerker, wo es sinnvoll ist, mit ein.“ Dass die Unternehmerin gar keine gelernte Handwerkerin ist, fällt kaum ins Gewicht: „Mir liegen diese Dinge im Blut und ich hatte schon als Kind ein handwerkliches Interesse.“
Bis eine Wohnung den veränderten Erfordernissen entspricht, können gut und gerne drei bis sechs Monate vergehen. „Häufig müssen wir am Hauseingang Rampen bauen und im Treppenhaus einen Lift, wenn eine Wohnung mit Rollstuhl zugänglich sein soll. Auch das Bad muss den veränderten Bedürfnissen angepasst werden. Kücheneinrichtungen können wir Um- oder auch Neubauen, um sie auf die neuen Höhenverhältnisse abzustimmen. Außerdem statten wir Wohnungen mit automatischen Türöffnern und Schiebetüren aus und installieren auch Hebesysteme in den Schränken, damit alle Sachen zugänglich bleiben“, erklärt Scarlett Herrmann den Ablauf eines typischen Projektes. Außerdem klärt sie mit den Berufsgenossenschaften, Krankenkassen bzw. Kostenträgern die Kostenübernahmeregelungen, so dass den Betroffenen und ihren Familien dieser bürokratische Aufwand weitgehend erspart bleibt.
Die Zeichen stehen auf Expansion
Scarlett Herrmann hat sich mit ihrem Unternehmen den eigenen Traumjob selbst geschaffen, denn sie konnte ihre im bisherigen Beruf erworbenen Kenntnisse einbringen und um ihre persönlichen Wunschvorstellungen erweitern. „Mir macht es große Freude, endlich alle geschäftlichen Angelegenheiten selbst bestimmen zu können“, so ihr positives Fazit. Da das Unternehmen seit der Gründung stetig gewachsen ist, gründete Scarlett Herrmann Anfang 2009 die Scarlett GmbH Lebensgerechte Möbel * Ergo- und Rehatechnik* – für sie der erste formale Schritt zu einem weiteren Ausbau des Unternehmens. „Als nächstes werde ich darangehen, mein Büro zu erweitern, und da die Aufträge immer mehr werden, werde ich dann auch eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter anstellen“, so die Unternehmerin. Da Scarlett Herrmann ihren Beruf mit Herz und Seele macht, ist für sie völlig klar, dass hier eine Fachkraft mit Handicap zum Zuge kommen wird. „Das ist für mich selbstverständlich“, sagt die Geschäftsfrau.
Zur Unternehmenswebsite: www.scarlett-reha.de
|